Claus Friedrich und GRAFIS sind Begriffe, die sicher jeder kennt, der in irgend einer Form in der Bekleidungsherstellung mit Modellentwicklung, Bekleidungs-Konstruktion, -Größenerstellung, Schnittbildoptimierung oder automatischem Zuschnitt zu tun hat. Viel zu früh verstarb Claus Friedrich am 18. Februar 2006 im Alter von nur 68 Jahren. Das von ihm geschaffene und inzwischen weltweit verbreitete System GRAFIS lebt und gedeiht durch seine Kinder Kerstin und Volker weiter.
Selten ist ein Wissenschaftler aus der ehemaligen DDR in der Bundesrepublik Deutschland nach der Wende in Fachkreisen so schnell bekannt geworden wie Claus Friedrich. Ein Zufall war das nicht. Kaum jemand weiß, dass diese immer bescheiden aufgetretene Persönlichkeit den größten Teil ihres Berufslebens der Systementwicklung gewidmet hat.
Nach seinem 1962 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena abgeschlossenem Physikstudium arbeitete Claus Friedrich am Forschungsinstitut für Schuhtechnologie in Weißenfels, zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später Laborleiter und ab 1969 als Abteilungsleiter Forschung. 1974 stieg er zum Direktor des Institutes auf.
1982 – 1988 war Claus Friedrich Fachdirektor Forschung im VEB Zentraler Forschungs- und Rationalisierungsbetrieb des Kombinates Schuhe in Weißenfels.
Schwerpunkt der Arbeiten war die erfolgreiche Entwicklung eines 3D CAD/CAM-Systems zur automatischen Herstellung von Leisten für die Schuhindustrie.
In dieser Zeit promovierte Friedrich zum Dr. sc. techn. an der Technischen Universität Dresden mit dem Thema „Ausgewählte Ergebnisse der Entwicklung und Anwendung des CAD/CAM-Systems GRAFIS“.
1985 wurde Friedrich mit dem Nationalpreis 1. Klasse für Wissenschaft und Technik für Anteile an der Entwicklung des CAD/CAM-Systems GRAFIS ausgezeichnet.
Anfang 1989 erfolgte die Berufung zum ordentlichen Professor für Erzeugniskonstruktion (Oberbekleidung) an die Ingenieurhochschule Berlin, Sektion Bekleidungstechnik.
Der Ursprung von GRAFIS war ein 3D-Konzept. Also lag es nahe, dass Friedrich versuchte, das Konstruktionsprinzip auch für die Bekleidungs-Schnittentwicklung in 2D einzusetzen – wie im Schneiderhandwerk historisch üblich. Kontakte mit Fachkollegen von der FH Hamburg - gleich nach der Wende - bestätigten ihm die Richtigkeit seiner Überlegungen und bereits vorführbaren Teilergebnisse. So kam es ab 1990 zu einer engen Zusammenarbeit in der Weiterentwicklung und zu intensivem Erfahrungsaustausch zwischen Berlin und Hamburg.
Das erste Ziel war die Schaffung von preisgünstigen Schulsystemen für Bekleidungskonstruktion, lauffähig auf handelsüblichen PCs. In der Ingenieurhochschule in Berlin und der FH Hamburg konnte GRAFIS bereits ab 1991 in der Lehre für Bekleidungskonstruktion und Schnittgestaltung eingesetzt werden. Die intensive Weiterentwicklung des Systems wurde unter den Prämissen - Höchste Ansprüche an Qualität, Flexibilität, automatisierte Passformkontrolle über alle Größen, für Maßkleidung geeignet und zum niedrigstmöglichen Preis erhältlich - gemeinsam fortgesetzt.
1992 folgte Claus Friedrich dem Ruf zum Professor an die FH Niederrhein, FB Textil- und Bekleidung in Mönchengladbach.
Innerhalb weniger Jahre setzte sich GRAFIS, besonders wegen der grundsätzlich anderen Philosophie und dem günstigen Preis, gegenüber den bisher in CAD-Systemen angewandten Gradierverfahren immer mehr durch. Die durchgängige Logik – Konstruktionslehre und optimaler Computereinsatz zur schnellen und sicheren Modellentwicklung – inspirierte die jungen Bekleidungsingenieure, dieses Verfahren auch in der Ausübung ihres Berufes in der Schnittgestaltung zu bevorzugen.
Seit 1995 gibt es die Firma: GRAFIS-Software Dr. K. Friedrich GbR, mit Sitz in Viersen. Die Kinder von Claus Friedrich - beide haben Physik studiert und das Know-how vom Vater in jahrelanger Zusammenarbeit übernommen – führen seitdem dieses Familienunternehmen sicher und erfolgreich in die Zukunft.
Claus Friedrich war ein genialer Visionär, der für die komplexen Zusammenhänge der branchenbedingt kurzfristigen Modellgestaltung - unter Berücksichtigung höchster Qualitätsansprüche in Optik und Passform - in Industrie und Handwerk oft verblüffend einfache aber logische Softwarelösungen schuf.
Leider hätte er nicht rechtzeitig bedacht, dass das Leben nicht unendlich ist, so sagte der 68-jährige Claus Friedrich mir kürzlich in einem letzten Telefonat. Gern hätte er seinen Ruhestand mit seiner Frau Irmgard auf geplanten aber immer wieder verschobenen gemeinsamen Reisen noch einige Jahre genossen.
Ich habe einen Freund verloren und werde ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
Prof. Wilhelm Gödecke